— Kapitel 12 —

Ja, er hat Euch nicht vergessen. Niemals. Sie waren immer in seinen Gedanken. Sie waren ja auch Schuld an seinem Schicksal – seinem Übel. Das hat er Ihnen nie verziehen, Jody. Sie haben sein ganzes Leben zerstört. Er hatte so viele Pläne. Wollte noch so viel erleben. Auch mit Ihnen. Er wollte eine gemeinsame Zukunft. Hat davon geträumt. Und Sie haben alles ruiniert. Ihn vernichtet. Sein Leben zerstört. Sein Leben musste nicht so ein Ende nehmen, aber Sie haben ihn ja mit Füßen getreten. Dabei waren Sie so wichtig für ihn. Er hat Sie geliebt. Ihnen vertraut. Und dann einfach so weggeschmissen zu werden… das war hart für ihn. Aber Ihnen war ja immer egal, wie es ihm geht, was er fühlt, was mit ihm passiert…
Nein, schrie Jody dazwischen, ich habe ihn geliebt.
Ach so, das nennst du Liebe, ja.
Was hätte ich denn machen sollen. Mir blie doch gar nichts anderes übrig. Ich hatte keine andere Wahl. Sah keinen Ausweg mehr
Jaja…
Ich habe doch so lange wie möglich zu ihm gehalten. Doch irgendwann ging es einfach nicht mehr. Ich war mit meinen Nerven am Ende, verstehen sie das doch. Ich war am Boden zerstört. Geistig bankrott.
Du hattest doch nur deine Karriere im Sinn.
NEIN! Das ist nicht wahr. Ich hatte alles zurückgestellt für ihn. Alles! Nur für ihn. Alles. Ich habe alles geopfert, damit es ihm gut geht
Und dann hast du ihn einfach fallengelassen, konterte der Alte mit ruhiger Stimme, während Jody ihn voller Erregung anschrie…
Nein, ich hatte ihn nicht aufgegeben. Aber so ging es ja nicht mehr weiter. Ich musste so handeln. Es ging doch nicht mehr weiter. Ich musste dann auch an mich denken. Ich war doch ein Wrack. Wäre sonst durchgedreht.
Ja, und dann hast du ihn einfach…
Dicken Tränen quollen aus Jody’s Augen. Von Wort zu Wort verschwand sie in dem großen Sessel immer mehr. Sie wurde immer kleiner. Mickriger. Sie schluchzte… Nein, ich hatte doch keine andere Wahl mehr gehabt. Ihr Körper zitterte.
Ja, du hast ihn gnadenlos…
Nein!
Du hast ihn weggesperrt. Ihn aus seinem Leben gerissen.
Welches Leben denn? Er hatte doch keins mehr. Er kam mit der Welt doch gar nicht mehr klar. Er war geistig verwirrt.
Das hat er aber anders gesehen…
Es war aber so, und deshalb hab ich ihn in die Obhut einer Psychiatrie… wieder begann Jody zu schluchzen. Das Wort ging ihr immer noch schwer über die Lippen. Sie konnte nicht mehr. Wollte nicht mehr. Sie hatte die Vergangenheit doch schon so gut hinter sich gelassen. Sie verarbeitet. Und jetzt dieser Rückfall. Sie wollte kein Wort mehr hören…
Ja, du hast ihn aus der Realität gerissen und unter Verrückte gesteckt. Ihm damit Qualen zugefügt.
Hören sie auf!
Sie glauben nicht, wie er gelitten hat, Er, der sich noch so gut fühlte, der musste sich plötzlich mit Bekloppten abgeben. Wissen sie, was das für Schmerzen sind… Einfach abgeschoben werden. Das war ein herber Schlag.
Nein, ich will es nicht mehr hören.
Weil sie der Wahrheit nicht ins Gesicht sehen können. Nicht eingestehen, dass sie einen Fehler begangen haben.
Nein, hören sie auf
Er hat sie geliebt, doch sie haben immer nur an sich gedacht…
Nein, das ist nicht wahr
Er war ihnen so was von egal
Ich habe ihn geliebt.
Warum sollten sie auch an seine Gefühle denken. Hauptsache sie haben Erfolg. So war es doch. Er war doch nur unnützer Ballast.
NEIN! mit wütender Stimme schrie sie ihn an und baute sich vor ihm auf. Stand in voller Größe vor dem Alten und schrie ihn an. Machte sich Lust. Es sprudelte nur so aus ihr raus. Es tat so gut, diese Worte zu sagen. Ich habe ihn geliebt. Er war das wichtigste in meinem Leben. Er war mein ein und alles. Mein Schatz. Sie glauben ja gar nicht, wie hart es mich traf, als er nicht mehr der Alte war. Als er sich von Tag zu Tag veränderte. Trotzdem habe ich alles für ihn getan. Ich war 24 Stunden an seiner Seite. Habe alles gemacht. Meine Arbeit hatte ich aufgegeben. Ich wollte mit ihm zusammen die Probleme bewältigen. Ich hab alles getan. Sein Leben so schön wie möglich gemacht. Ich hab mir für ihn den Arsch aufgerissen. Doch sein Zustand verschlimmerte sich rapide. Es wurde immer schlimmer. Man konnte förmlich mit ansehen, wie er immer mehr in sich zusammenfiel. Versumpfte. Er hat seine Umwelt am Ende doch gar nicht mehr wahr genommen. Er lebte in einer ganz anderen – einer ganz eigenen Welt. Teilweise erkannte er mich gar nicht mehr wieder. Trotzdem war ich noch für ich da. Aber irgendwann ging es dann nicht mehr weiter. Ich hatte Angst vor ihm. Fürchterliche Angst. Mein Zustand verschlimmerte sich ja auch immer mehr. Wir waren beide nicht mehr die Menschen, die wir vorher mal waren, und da wusste ich dann keinen anderen Ausweg mehr. Hab dann auch an mich gedacht. Ja, aber dadurch wurde auch nichts besser. All meine Freunde haben sich von mir abgewendet. Haben mich nicht verstanden. Mich allein gelassen. Dabei hätte ich deren Hilfe so sehr gebraucht…
So sehr, wie dein Mann deine Hilfe gebraucht hätte.
Ach, sie haben doch überhaupt keine Ahnung. Jody fiel in den Sessel zurück und ließ ihren Tränen freien Lauf.
Dein Mann hätte es dir gedankt…
Ich habe für ihn gekämpft
Jaja.
Ja! Und woher wollen sie das überhaupt wissen.
Er hat es mir gesagt.
Sie verstummte.
Ja, ich habe viele Stunden mit ihm verbracht. Wir haben viel geredet. Er hat mir von seinem Leid berichtet. Von den Qualen, die er erleiden musste. Wie er für die Ärzte ein billiges Versuchsobjekt war. Wie sie ihn mit Pillen vollgestopft haben, wie sie Experimente an ihm ausprobiert haben, wie sie ihn geschlagen haben… Wie sie ihn in tiefe Depressionen getrieben haben. Wie sie ihn immer mehr zerstörten.
Jody schaute den alten Mann nur noch an. Zwischen all den Tränen sah sie ihn nur verschwommen. Der Mann stand da, mit seinem weißen Kittel und redete mit beruhigender und gleichzeitig anklagender Stimme auf sie ein. Keine Spur mehr von seinem grässlichen Lachen, das noch vor kurzem einen ganzen Welt erschauerte.
Woher kannten sie meinen Mann?
Ich habe ihn irgendwann später mal kennengelernt. Und da haben wir dann viel miteinander gesprochen. Wir hatten viel Zeit. Da hat er mir dann von seinem ganzen Leben erzählt. Wie sehr er sie liebte und wie gern er sie wiedersehen würde.
Ich hätte ihn auch gern noch mal getroffen. Ihm erklärt warum ich so gehandelt habe.
Sie wollte ihre Seele von der Last befreien, denn sie wusste immer, dass es ihm in der Psychiatrie nicht gut gehen würde. Aber sie musste so handeln, um ein eigenes Leben leben zu können. Das wollte sie ihm so oft sagen. Sich Freisprechen. Verständnis von ihm bekommen, damit sie ein reines Gewissen hat. Erst dann würde sie ein neues Leben anfangen können. Dann wär das Thema endgültig abgeschlossen.
Und warum hast du es dann nicht getan?
Ich kam zu spät. Es wurde mir zu spät bewusst. Ich brauchte ja erst mal Zeit für mich selbst. Musste mich selbst erst mal wieder ins Leben zurückbringen. Mich regenerieren. Erst dann wollte ich mit ihm sprechen und ihm alles erklären. Doch dan war dann schon alles zu spät…
Sie unterdrückte ihre Tränen.
Er wartet auf dich.
Er würde Dich gerne noch mal sehen.
Sie verstand nicht, blickte den Alten nur mit leerem Blick an.
Er möchte dir noch was mitteilen
Sie schaute ihn nur fragend an.
Er möchte dir seine Gefühle zeigen.
Möchten Sie nicht zu ihm gehen?
Aber er ist tot.
Er wartet auf sie.
Ja, aber die Ärzte…
Er wartet hinter dieser Tür. In dem Zimmer dort.
Er deutete auf die rechte wand des Zimmers und Jody blickte auf eine Tür, die ihr bis dahin noch gar nicht aufgefallen war…
Mit ruhiger, vertrauter Stimme redete er weiter auf sie ein. Du willst es doch auch. Es wird dir gut tun. Du weißt das.
Er freut sich so auf Dich.
Wie hypnotisiert stand Jody auf, ging zur Tür und drückte die Klinke herunter. Die Tür knarrte und schon stand sie in einem stockfinsteren Raum.
Dave, bist Du da?
Die Lampen gingen an. Kerzen brannten. Das Licht blendete sie. Trotzdem erkannte sie ihre alte Schlafzimmereinrichtung, mit dem großen Himmelbett, dass sie damals in Frankreich gekauft hatten.
Ja, ich bin hier, schön, dass du gekommen bist. Sie erkannte seine Stimme. Sie klang so gut in ihren Ohren. Ich habe so lange auf dich gewartet. Ein stechender Schmerz bohrte sich von hinten in ihren Körper… und es wurde wieder dunkel um sie herum…

Ein zufriedenes Lachen erfüllte den Wald mit Schauder…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.